12.6.17 VOM SAVIGNYPLATZ ZUM KAISERDAMM

Treff: 10:30 auf dem S-Bahnhof Savignyplatz

Dauer: ca. 2 ½ Std.

Preis: 4,-€

Zunächst widmen wir uns ein wenig dem Savignyplatz und können noch einmal das Werk des Charlottenburger Gartenbaudirektors Erwin Barth würdigen, siehe auch die Nachlese zu unserem Spaziergang auf dem Waldfriedhof Heerstraße.

1894/95 wurde der Platz beidseitig der Kantstraße als typischer Schmuckplatz zur Durchlüftung und Auflockerung im Rahmen der Bebauung erstmals gestaltet. 1926/27 gab ihm der Städtische Gartenbaudirektor Erwin Barth mit Sitzlauben und Staudenrabatten eine neue Form.

Nach zahlreichen zwischenzeitlichen Veränderungen wurde der Platz für das Stadtjubiläum Berlins 1987 in der von Barth gestalteten Form wiederhergestellt.
Der Savignyplatz ist ein bevorzugter Treffpunkt von Touristen, Künstlern und Intellektuellen in den umliegenden Restaurants, Cafés, Buchhandlungen und Galerien.

Die zwei spiegelgleichen Bronzeskulpturen “Knabe mit Ziege” von August Kraus (1928) wurden 1955 neu aufgestellt, wobei nur eine Figur erhalten war, die andere ist ein Nachguss. 1985 wurden sie entsprechend ihrer ursprünglichen Anordnung im nördlichen Teil symmetrisch zueinander, etwa 10 Meter voneinander entfernt aufgestellt. Diese Anordnung entspricht der symmetrischen Teilung des Platzes durch die Kantstraße. Die Skulpturen zeigen jeweils auf einem ein Meter hohen Backsteinsockel einen nackten Knaben, der ein störrische Ziege am Halsband zerrt.

Der von dem Architekten Alfred Grenander entworfene und von der Tempelhofer Firma Ed.Puls gebaute Kiosk steht seit dem 26.5.1908 am Savignyplatz und war 1943 stark beschädigt worden. Er wurde 1987 instand gesetzt und am 13.9.2006 als Currywurst-Imbiss eröffnet.  Grenander galt ja eigentlich als der Berliner U-Bahn-Architekt, wir hatten ihn ja auch schon mal gewürdigt.

Am 22.6.2007 wurde der Neubau des historischen Eingangshäuschens am Südrand des Savignyplatzes vorgestellt. Es wurde im Auftrag der GASAG von dem Architekten Christian Koch in Anlehnung an die historischen Pläne von 1927 mit neuer Funktion als Gasdruckregelanlage wieder aufgebaut. In Verbindung damit wurde ein Wettbewerb “Kunst am Bau” veranstaltet, den die Berliner Künstlerin Ute Lindner mit ihrem Entwurf “Through the Looking Glass” gewonnen hat. An der Stelle des Durchgangs in den Park wurde ihre als Hinterglasmalerei aufgebrachte Personengruppe installiert, die ihren Blick in einen imaginären Raum in Richtung Park richtet. Bei Nacht verwandeln sich die Figuren durch die Beleuchtung zu dunklen Silhouetten vor einem leuchtend blauen Grund.

Die Lyrikerin Mascha Kaléko , die vor ihrer Emigration 1938 in der Bleibtreustraße 10/11 wohnte, verewigte den Savignyplatz in einem Gedicht, das sie in der von deutschen Emigranten in Amerika gegründeten Zeitschrift “Aufbau” veröffentlichte:

 

“Ich bin, vor jenen ‘tausend Jahren’

Viel in der Welt herumgefahren.

Schön war die Fremde, doch Ersatz.

Mein Heimweh hieß Savignyplatz.”

 

Am Haus Savignyplatz 5 erinnert eine originelle Gedenktafel daran, dass hier 1959 George Grosz verstarb. Sein Grab fanden wir vor kurzem auf dem Waldfriedhof Heerstraße.

Dann begeben wir uns auf einer Spurensuche zu historischen Persönlichkeiten, vor allem aus dem künstlerischen bzw. wissenschaftlichen Leben in Charlottenburg. Das „jüdische Leben“ in Wilmersdorf wird später Thema einer Stadtwanderung sein.

Charlottenburg und Wilmersdorf waren bis zur Machtübergabe an die Faschisten die Berliner Bezirke mit dem höchsten Anteil jüdischer Bevölkerung, 1933 wohnten hier mindestens 53000 Jüdinnen und Juden. Vielen gelang in den nächsten Jahren noch die Ausreise. Mindestens 13200 jedoch wurden Opfer der Naziverbrechen.

Für etliche Prominente und wenige Prominente unter ihnen steht auch schon der Name des Durchgangs zur Bleibtreustraße, der Else-Ury-Bogen. Die Schriftstellerin Else Ury (1877-1943) war mit Buchreihen wie „Nesthäkchen“ und „Professor Zwilling“ Lieblingsautorin vieler Mädchengenerationen, 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. An der Bleibtreustraße finden sich einige interessante Gedenktafeln, so wird an der Nr. 10 die bereits erwähnte Dichterin Mascha Kaleko gewürdigt, der 1938 mit ihrem Ehemann, dem jüdischen Komponisten Chemjo Vinaver die Flucht nach New York gelang.

An der Nummer 13 erinnert eine Gedenktafel an Tilla Durieux. Sie war in Wien geboren und in Berlin zu einer gefeierten Schauspielerin geworden. Mit ihrem dritten Ehemann, dem jüdischen Großindustriellen Ludwig Katzenellenbogen floh sie schon im Frühjahr 1933 nach Prag und später in die Schweiz und nach Jugoslawien. 1952 kehrte sie nach Deutschland zurück. Auf dem Waldfriedhof Heerstraße sahen wir ihr Grab.

Am selben Haus erinnert man auch an Alfred Flechtheim, der 1921 aus Düsseldorf nach Berlin kam, Kunstzeitschriften herausgab und. Ausstellungen veranstaltete. Er flüchtete Ende Mai 1933 über die Schweiz und Paris nach London. Sein Kunsthandelsunternehmen wurde liquidiert und seine private Sammlung von der Gestapo beschlagnahmt. Schon mit 59 Jahren starb er !937 in London.

Das Schulgebäude Bleibtreustraße 43 war früher das Kaiser Friedrich Gymnasium – hier ging einst Walter Benjamin zur Schule. Er hatte sich 1940 in der Emigration das Leben genommen.

Zwei Stolpersteine vor der Hausnummer 45 erinnern an das Ehepaar Minna und Victor Niclas Caro.

Beide mussten  Zwangsarbeit bei den Blaupunkt-Werken leisten und wurden bereits im November 1941 in das Sammellager Levetzowstraße 8 verbracht und bald von dort deportiert.

Jetzt biegen wir in die Mommsenstraße ein. An der Hausnummer 6 erinnert eine Gedenktafel an den Komponisten  und Dirigenten Leo Blech, der 1937 nach Lettland und später nach Schweden emigrierte und 1949 nach Deutschland zurück kehrte. An der selben Hausnummer erinnert ein Stolperstein  an Clara Lehmann, die im August 1942 mit dem ersten großen Alterstransport nach Theresienstadt und von dort nach Treblinka ging.

Fast nebenan an der Nummer 8 erinnert man an den Psychoanalytiker und Juristen Hans Sachs. Er lebte von 1920 bis 1930 in Berlin und gehörte dem engsten Kreis um Sigmund Freud an. Er emigrierte, da er die Entwicklung in Deutschland erahnte, bereits 1932 nach Boston in den USA.

Später beschäftigen uns eine Tafel und mehrere Steine vor der Wielandstraße 15. Paula Salomon-Lindberg war eine international renommierte Sängerin. Sie sang unter anderem die Bach-Konzerte in der Leipziger Thomaskirche, dann durfte sie auf einmal nur noch jüdische Komponisten vor jüdischem Publikum vortragen. 1930 hatte sie den verwitweten Chirurgen Albert Salomon geheiratet und war mit ihm und dessen Tochter in die Wielandstraße gezogen. Der Professor für Chirurgie durfte dann ab 1933 auch nur noch jüdische Patienten in seiner Privatpraxis behandeln. Nach dem Progrom von November 1838  wurde er kurzzeitig ins KZ Sachsenhausen gebracht. Gesundheitlich geschwächt zurück gekehrt, entschloss er sich mit seiner Frau nach Amsterdam zu emigrieren. Tochter Charlotte ging nach Südfrankreich, wurde dort aber 1943 im hochschwangeren Zustand verkaftet, verschleppt und schließlich nach Auschwitz deportiert. Die Eltern flohen aus der Internierung und erlebten bis 1945 im Versteck.

An der Wielandstraße 14 erinnert man an den Pianisten Arthur Schnabel, der 1933 zuletzt nach New York emigrierte.

Wir gelangen zur Pestalozzistraße.

Auf dem Hof der Häuser Pestalozzistrasse 14 und 15 befindet sich eine in den Jahren 1911 bis 1913 für die damals stark gewachsene jüdische Bevölkerung errichtete Synagoge, in die wir wahrscheinlich nicht hinein schauen können. Das gesamte Gelände hatte 1919 die Jüdische Gemeinde erworben, so dass man dadurch Wohnraum für Gemeindemitglieder schaffen konnte.

Heute sind beide Häuser rund um die Uhr bewacht bzw. per Video überwacht.

Vor der Nummer 14 erinnern 19 Stolpersteine an einstige Bewohner. am Haus Nr 25 wird auch noch mal an 21 ehemalige Hausbewohner erinnert.

Der zugrunde liegende Rundgang des Bezirks greift die Geschichten von Caspar Baer  und Julius Oppenheim und ihren Familien heraus…

Den Karl-August-Platz und die „Wilmersdorfer“ passieren wir.

An der Ecke Fritschestraße treffen wir auf einen Spielplatz. Er wurde nach Günter Schwannecke benannt, der hier am 29. August 1992 von Neonazis zusammengeschlagen wurde und wenig später im Krankenhaus an seinen Verletzungen verstarb.

An der Windtscheidstraße 15 erinnert ein Stein an Luise Kautsky. Von 1897 bis 1924 wohnte sie mit ihrem Mann Karl in Berlin, dann ging die Familie nach Wien zurück, floh nach dem Anschluss Österreichs über Prag nach Amsterdam, wo Karl Kautsky verstarb. Ihr Sohn Benedikt wurde nach Dachau deportiert. Luise Kautsky wurde im August 1944 verhaftet und nach Auschwitz gebracht, wo sie verstarb. Ihr Sohn Benedikt aber hatte überlebt und veröffentlichte 1950 die von seiner Mutter gesammelten Briefe Rosa Luxemburgs.

Es geht weiter entlang der Pestalozzistraße und dann der anschließenden Steifensandstraße, fast am Lietzensee treffen wir auf die Ortslage „Witzleben“, sicher später auch noch mal ein Thema. Im Rahmen des heutigen Themas wird insbesondere auf das 1936 hier eingezogene Reichskriegsgericht hingewiesen. Zwischen 1939 und 1946 wurden hier 1200 Todesurteile gefällt.

Kein Richter wurde je bestraft, erst in jüngster Zeit wurden einige Urteile korrigiert.

Am Kaiserdamm 14 wird auf das hier einst befindliche Polizeipräsidium erinnert. Hier saß der bei den Nazis unbeliebte Chef der Berliner Kriminalpolizei Bernhard Weiß, den man schon 1932 aus dem Amt ekelte und der schon im Februar 1933 kurzzeitig verhaftet wurde und noch im Frühjahr 1933 über Prag nach London floh.

Wir schließen unseren Spaziergang am U-Bahnhof Sophie-Charlotte-Platz ab.

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