07.03.2016 Frankfurter Allee Süd oder rund ums Mauritiusviertel

Heimatgeschichtliche Spaziergänge durch Friedrichshain und Lichtenberg 2016
V. Frankfurter Allee Süd oder: Das alte Mauritiusviertel

Unser heutiger Spaziergang gilt einem etwas vergessenen Viertel, überdeckt durch die großen Wohnbauten an der Frankfurter Allee, gegenüber der früheren „Stasi“-Zentrale – das sogenannte „Mauritiusviertel“, so benannt nach einer katholischen Kirche, in der wir auch hinein schauen werden.
Wir treffen uns am Ausgang des U-Bahnhofs Frankfurter Allee, Frankfurter Allee Ecke Gürtelstraße. Vielleicht sind ja jemand die historischen Fotos im Durchgang vom Bahnhof aufgefallen – zu sehen die Frankfurter Allee an dieser Stelle um 1920, dann zur Zeit des U-Bahnbaus Ende der 1920er Jahre, dann nach dem II. Weltkrieg.
Entstanden war die „Allee“ auf einem alten Heer- und Handelsweg im Jahre 1704, als der Markgraf Albrecht Friedrich von Schwedt eine vierreihige Lindenallee von Berlin zum Schloss Friedrichsfelde anlegen ließ
So prachtvoll die Linden, von einer Befestigung von Bürgersteigen war bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts zu sehen.
Die „moderne“ Entwicklung der Straße setzte dann mit der Industrialisierung ein und vor allem dem damaligen Gemeindevorsteher und späteren Bürgermeister der Stadt Lichtenberg Oskar Ziethen verdankte man 1897 die Pflasterung der Allee, die Neuanlage einer Mittelpromenade und auch Umbau und Umbenennung des bereits seit 1872 bestehenden „Ringbahnhofs Friedrichberg“ in „Frankfurter Allee“.
Damals war das alles hier noch vor den Toren Berlins.
Die Landgemeinde Lichtenberg war inzwischen aber stark angewachsen und mit ehemaligen Dörfern der Gegend wie Friedrichsberg, Boxhagen, Rummelsburg zusammengewachsen und mit Wirkung ab 1.4.1908 mit inzwischen 71000 Einwohnern zur Stadt erhoben.
Die bisherigen Ortsteile Boxhagen und Friedrichsberg wurden 1938 aus dem Bezirk Lichtenberg ausgegliedert, um den in „Horst-Wessel-Stadt“ umbenannten Nachbarbezirk Friedrichshain mehr „Gewicht“ zu verleihen. Eine gewisse Vereinfachung der Bezirksgrenzen besteht seit damals darin, dass Lichtenberg nunmehr erst „jenseits“ der Ringbahn begann.
Dem Thema „Friedrichberg“ widmen wir uns gern später auch bei einem heimatgeschichtlichen Spaziergang, heute geht es um das Gebiet „hinter“ der Bahnbrücke „rechts“.
An der Ecke Gürtelstraße, dort wo wir uns getroffen haben, befand sich schon vor ungefähr zweihundert Jahren eine Lokalität mit wechselvollem Leben – 1827 benannt als „Etablissement des Gastwirths Fuhrmann“. Der „Schwarze Adler“ entwickelte sich in der Folge von einer Ausspanne auf dem Wege nach Frankfurt (Oder) zu einem beleibten Lokal mit großem Biergarten, später auch mit Kino. Familien konnten für „50 Pfennige Kaffee kochen“, Männer „zischten“ ihre Molle. Man feierte „Kaisers Geburtstag“ ebenso wie den 1. Mai, es traten „Fichte-Sportler“ auf, aber auch katholische Vereine, Sozialdemokraten, Deutschnationale und später die Nazis trafen sich hier. Inmitten des 1. Weltkriegs redete Karl Liebknecht denselben und seine vormaligen Mörder tagten hier im März 1919 als Standgericht gegen Spartakisten, die auf der Stelle erschossen wurden…
Bomben des II. Weltkrieges machten dem „Schwarzen Adler“ dann ein Ende.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Gürtelstraße sehen wir die letzte Kurve des wohl längsten Wohnhauses Berlins, das sich über 350 Meter die Frankfurter Allee entlang zieht.
Nachher begegnet uns mit der „Wohnmaschine“ noch mal ein ähnliches Teil.
Im Jahre 1770 erhielt hielt für diese Fläche der Gärtner Jacques Robert gut 9 Morgen Land zur Anpflanzung von Obstbäumen zugewiesen. Gartenbau im weitesten Sinne blieb für die Gegend lange noch von Bedeutung
Treten wir etwas zur Seite, fällt uns inmitten der Wohnhochhäuser ein Kirchenbauwerk in historisiert neugotischen Formen auf – die Mauritiuskirche, dort sind wir aber erst ab 14:30 vereinbart, so dass wir zwar die Straße überqueren, uns dann aber erst einmal parallel zur Frankfurter Allee weiter bewegen.
Die Namen der Straßen in der Umgebung weisen auf den illegalen überwiegend kommunistischen Widerstand gegen den Hitlerfaschismus, insbesondere auf das Wirken der „Roten Kapelle“ hin.
Ich werde auf diese Organisation und einige Mitwirkende eingehen. Aber es findet sich auch ein neu gestaltetes Denkmal als „Ort der Erinnerung“ und eine Plastik auf dem Hof der „Harnackschule“.
Die frühere 8. und 9. Volksschule Berlin-Lichtenberg bietet aber auch so einiges Sehenswerte, so dass wir sie in den Rundgang später einbeziehen.
Wir gehen erst einmal vorbei an der Schulze-Boyen-Straße, erinnern an das heute hier nicht mehr erkennbare „Millieu“ Heinrich Zilles (hatten wir in der südlichen anschließenden Viktoriastadt und Rummelsburg aber schon mal, aber selbst dort links und rechts der Pfarrstraße hat man inzwischen ja modern-saniert….) und an die hier noch bis um 1970 stehenden Kleingärten, beides musste dem Bau der Großwohnblocks – unter anderem auch für die Beschäftigten der gegenüber liegenden Stasi-Zentrale und anderer Behörden und Einrichtungen der DDR-Hauptstadt – weichen.
Von der Geschichte des Gewerbes am östlichen Ende der Allee zeugen noch Bauten der früheren „H.F. Eckert Landwirtschaftlichen Maschinenfabrik und Eisengießerei Actien Gesellschaft“. Deren Produktionseinrichtungen befanden sich an verschiedenen Stellen im heutigen Friedrichshain, 1894/95 zog man auf dieses neue große Gelände an der Buchberger Straße. 1931 standen die Räder still, später befand sich hier unter anderem das Heereszeugamt.
An der Frankfurter Allee 196 sei auch an die frühere Wäscherei „Gubeler und Krause“ hingewiesen.
Dann geht es „zurück“ durch den hinteren aufgelockerten Teil des Wohngebietes.
Auf alten Karten befand sich hier der „Upstall“. – das heißt hier wurde das Vieh in einem „Offenstall“ nachts auf abgezäunter, gesicherter Weide gehalten….
Hingewiesen sei auf ein Niedrigenergiehaus in der Schulze-Boysen-Straße und auf die „Villa Skupin“.
Die Kirche St. Mauritius Kirche wurde 1891/92 durch den Königlichen Regierungsbaumeister Max Hasak errichtet. Damals wohnten in Lichtenberg schon etwa 3000 Katholiken, die Gemeinde wuchs aber weiter bis auf 11500, so dass man von 1905/06 noch einmal erweitern musste.
Ein Vertreter der Gemeinde wird uns etwas führen.
Auch die unweit befindliche Villa Skupin steht auf dem Programm. Die sogenannte Fabrikantenvilla für die damals direkt daneben befindliche Wurstfabrik ist schon etwas besonderes, außen und innen original „art deco“ der beginnenden 1920er Jahre. Leider ist sie aber im Bestand gefährdet.
Auf die „Harnackschule“ hatte ich schon hingewiesen, auffallend und gut erhalten das „Alphabet“ an der Schulfassade, originell die alte, ehemals mit einem Gang verbundene Turnhalle…
Wir schließen unseren Spaziergang wieder am Ausgangspunkt ab.
Treffpunkt/Start: 13:30 S+U Bahnhof Frankfurter Allee, Frankfurter Allee/Ecke Gürtelstraße
Dauer ca. 2 Std.
Preis inkl. Führung: 4,-€

Bisherige Veranstaltungen in der Reihe
(Kurzbeschreibungen können angefordert werden):
Ø Zwischen Landsberger und Frankfurter Tor
Ø Rund um die Weberwiese
Ø Oberbaumcity und Rudolfkiez
Ø Links und rechts der Herzbergstraße oder Asia-Town in Ost-Berlin

Boxhagen, Rummelsburg, die Viktoriastadt, das frühere „Dorf“ Friedrichsfelde, die „Splanemannsiedlung“, Karlshorst u.a. waren früher schon einmal Thema im Rahmen meiner Berliner Stadtspaziergänge

Mittelfristig in Planung:
Ø Durchs Samariterviertel
Ø Wo einst die „Colonie Friedrichsberg“ lag
Ø Rund um den „Weilingkiez“
Ø Zwischen Karl-Marx-Allee und „Stralauer Tor“

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